Niemals vorher hatte ein Künstler die Anatomie so rücksichtslos und ungeschminkt geschildert. Die intensiven, teilweise schrillen Farben von Blut und Fleisch verstärken die "Lebendigkeit" des geöffneten Leichnams. Er wirkt wie zum Gegenstand geworden, zu Studienzwecken bereitgestellt. Und somit für bildnerische Darstellung zur Verfügung gestelltes Motiv.
Dies schildert auch ein Chirurg, der Sohn des Malers, Oskar Boeckl: "Der geöffnete Leichnam aber ist nicht nur ein nutzloses, verwesendes Bündel Fleisch, nicht nur ein ausgebeutetes Ersatzteillager der Natur, nicht nur ein unwiderlegbarer und unübersehbarer Protest gegen eine technisierte Zivilisation, sondern auch Hoffnung für die Lebenden durch Erkenntnis. Nirgends anderswo macht das Aufeinandertreffen von Naturwissenschaft und Kunst so nachdenklich."

Zeichnung zur Anatomie
1931, Kreide/Papier, 48,5 x 61,7 cm
Graphische Sammlung Albertina/Wien